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Teppichgedanken
© Carmen Rodrigues



Noch heute muss ich bei jeder Renovierungsaktion lachen und oft schmunzle ich in mich hinein, wenn wer friert und nach einer Decke fragt. Und warum das so ist, und wieso damit für mich ganz viele liebevolle Erinnerungen zusammenhängen, das will ich gerne erzählen.

Ganz banal hatten wir uns damals kennengelernt, richtig langweilig, eigentlich. Wenn man bedenkt, was für eine tiefe und großartige Freundschaft daraus erwachsen ist, dann mag man sich gar nicht mehr vorstellen, dass unser erstes Zusammentreffen heute nur ein kurzer Moment in der Erinnerung ist.
Ich war gerade mal 19 Jahre alt gewesen und Suse war damals schon knapp 28, also fast zehn Jahre älter als ich.
Was sie damals mit mir anfangen wollte ist mir noch heute ein Rätsel, aber irgendwie hat es gefunkt zwischen uns, wie das manchmal so ist, bei uns Mädels.

Ich weiß es noch ganz genau, wie das war. Wir saßen alle Mann mal wieder in der Frühstückspause bei uns im Zimmer.
Ein Bett gehörte mir, die andren beiden Betten standen meinem gegenüber, jeweils rechts und links an der Wand. Mitten drin ein großer alter Holztisch; jedes Mädel hatte ihre „Ecke“ mit ihrem Kleiderschrank abgeteilt, so dass wenigstens ein kleines Gefühl von Privatsphäre entstand.
Nicht dass es wichtig gewesen wäre, die andren zwei haben ja nie in der Kaserne geschlafen. Nur ich war diejenige, die in der Räucherbude ihr Zuhause hatte.
Das war aber auch in Ordnung so, ich war mit 16 von zu Hause ausgezogen und zunächst im schönen Lahr im Schwarzwald zur Ausbildung gelandet.
Ich hatte aber rasch die Nase voll vom seltsamen Bergvolk da unten, wie ich es nannte, und ließ mich schnellstens zurück nach Bruchsal versetzen, heimatnah – wie man das nennt.

So kam es auch, dass ich mein zweites Jahr der Grundausbildung in der mir völlig fremden Klasse begann und eben zu den beiden Mädels ins Zimmer gesteckt wurde.
Alle beide waren schon etwas älter als ich, eine davon sogar etwas sehr viel älter. Sie hatte irgendwie in unserer Klasse den Status der „Mutti“ eingenommen, was unser Zimmer zum regelmäßigen Frühstückstreffpunkt für die halbe Klasse machte.
Frischer Kaffee wurde morgens in der Doppelmaschine aufgesetzt und die Zeitschaltuhr stellte sicher, dass er auch pünktlich zur 9.00 Uhr Pause fertig war. Zu zwölft und mehr hockten wir dann zusammen in der engen Bude und süffelten unsren Kaffee, rauchten wie die Schlote und lachten über die eine oder andere Geschichte.
Abends, wenn alle nach Hause fuhren, verbrachte ich regelmäßig 2 Stunden damit, den Qualm aus der Bude zu bekommen, damit ich einigermaßen schlafen konnte. Seltsam. Heute würde mich das immens stören, aber damals war mir das wurscht.

Auf jeden Fall war es mal wieder eine dieser Sammel-Frühstück-Kaffee-Zigaretten-Pausen in unserem Zimmer, die zur Begegnung mit Suse führen sollte.
Sie war damals in unserem „Parallelzug“ und aus dem Grund nicht in unserer Klasse. Bei ihr im Zug befanden sich nur superjunge Leute, mit denen sie eigentlich recht gut auskam. Wenn sie aber mal die Nase voll hatte, dann war schon mal ein Kaffee und eine Zigarette bei uns im Zimmer geplant. Sie nannte das: „Vom jungen Gemüse abschalten“.
Eigentlich witzig, denn bis auf meine beiden Zimmerkolleginen waren wir ja alle nicht viel älter, als die Jungs und Mädels aus ihren eigenen Reihen, aber ich nehme einfach an, der Tapetenwechsel machte es in dem Fall aus.

Auf jeden Fall war es an einem solchen Gemüse-Abschalt-Morgen, als Suse bei uns ins Zimmer schneite, und sich mit einer Tasse Kaffee einfach neben mich aufs Bett setzte. Sportlich, hübsch und das Gesicht voller lustiger Sommersprossen grinste sie mich an und meinte nur:
„Hi. Ich bin Susan. Und Du?“
Das war’s, völlig banal und langweilig, wie ich es schon gesagt habe. Aber trotzdem - es war völlig um mich geschehen. Ich schaute in die funkelnden blauen Augen und das breite Lachen, umrahmt von großen goldenen Kringellocken, die widerspenstig um ihren Kopf geschlungen waren, als würden sie da gar nicht richtig hinpassen.
Ich grinste nicht minder breit zurück, stellte mich vor und nippte an meinem Kaffee.
„Mit der kannste Pferde stehlen gehen!“ dachte ich und sollte recht behalten.

Über die nächsten Monate wurden wir unzertrennlich, Suse schlief auch in der Kaserne und fuhr selten nach Hause. Zu der Zeit lebte sie in Offenbach und fuhr nur am Wochenende heim, zu dem bekloppten Typen, den sie damals noch hatte. Wir verbrachten Abende damit, zu lernen und uns zu unterhalten und auch ab und an mal miteinander was Trinken zu gehen.
Nach und nach erfuhr ich von ihr, dass sie direkt nach der Wende hierher in den Westen gekommen war.
Zu Ostzeiten in Frankfurt/Oder, hatte sie als junges Mädel zuerst einen Fabrikberuf erlernt. Nach dem Fall der Mauer war sie nach Heidelberg gekommen um dort eine Ausbildung im Hotelfach zu machen. Und da ihr das noch immer nicht genug war, und sie mal richtig was erleben wollte – wie sie es nannte - hatte sie sich schließlich zur Polizei beworben.
Gut so, sonst hätte ich Suse niemals kennen gelernt.
Ich hatte damals keine Ahnung vom Leben im Osten und wie das zu DDR Zeiten so war. Ich hatte zwar Gemeinschaftskunde-Unterricht, aber da war ich zwölf Jahre alt und hatte zur Zeit des Mauerfalls andere Sachen im Kopf.
Die erste Mädchen-Liebe und die ersten Schmetterlinge im Bauch, Schulhofgedanken und den Tratsch mit meinen Klassenkameradinnen.
Außerdem lief das damals im Fernsehen rauf und runter. Und wo die Erwachsenen staunend und glücklich jede neue Fernsehnachricht aufsaugten, saß ich gelangweilt in der Ecke und war sauer, dass meine Lieblingssendungen immer öfter gekippt wurden, weil wieder vom Osten berichtet wurde und von dem, was sich da tat.
Das Ausmaß all dessen, was zu der Zeit wirklich geschehen ist, habe ich mit meinen zwölf Jahren überhaupt nicht begriffen und die Tragweite der Ereignisse wurde mir erst sehr viel später bewusst.
Nun, all das führte dazu, dass ich staunend und ungläubig Abende lang Suses Erzählungen lauschte.
Nicht dass das unsere Freundschaft irgendwie beeinflusst hätte, aber ich fand es unglaublich spannend, dieses mir fremde Leben kennen zu lernen – praktisch aus erster Hand.

So gingen die Monate ins Land und Suse wurde ein Teil von mir, meine beste Freundin.
Nach diesem zweiten Teil unserer Ausbildung folgte ein Praktikum auf einem Polizeirevier, das für jeden von uns ein halbes Jahr dauerte.
In dieser Zeit konnten wir nicht in der Kaserne wohnen bleiben und ich suchte mir in der Nähe meine erste eigene kleine Bude.
Das war nicht ganz einfach damals, so viel hab ich ja zu der Zeit noch nicht verdient. Aber als Suse damals den bekloppten Typen in Offenbach von heute auf morgen sausen ließ, zog sie erst mal zu mir und gemeinsam schafften wir das dann umso leichter.
Irgendwann nahm sie sich dann ihre eigene Wohnung und wir hatten fast unser Revierpraktikum beendet, nach wie vor eng befreundet.
Dem Revierpraktikum folgte ein 5 monatiger Fachlehrgang in Freiburg, der als echt harte Nuss bekannt war und den Abschluss unserer Ausbildung darstellte.
Für Suse und mich war damals klar, dass wir uns unser Zimmer teilen wollten, welches wir unter der Woche dort beziehen durften. Wir beide fuhren also montags zusammen nach Freiburg und freitags wieder nach Hause, wir lernten zusammen und teilten eigentlich jede Kleinigkeit miteinander.

Jeden Morgen das gleiche Ritual, eine von uns beiden kochte Kaffee, während die andere duschte. Danach richtete die andere das Frühstück, während die erste sich wiederum im Bad fertigmachte. Und dann kam der gemütliche Kaffee, als Start in den Tag, bei dem wir uns schon mal das Wichtigste vom vergangenen Wochenende erzählten.

Im Laufe des Revierpraktikums hatte Suse einen Kollegen kennengelernt, in den sie sich unglücklich verliebt hatte, und auch mein Liebesleben war ziemlich durcheinander zu der Zeit. Klar, dass wir uns jeden Montag, nach einem besonders intensiven Wochenende, über unsere Erlebnisse und Gedanken austauschten.
Und diesen einen Montag, um den es geht, den hab ich ewig in Erinnerung.
Wir saßen beide hundemüde über unserer Kaffeetasse in dem hässlichen kalten Zimmer und sinnierten mal wieder darüber, wie ungerecht die Liebe doch ist und wie sehr wir die Nase voll hatten von den Männern. Heut finde ich das lustig, aber zu der Zeit war uns damit wirklich ernst!
Übermüdet und morgenmuffelig, nippten wir beide an unsrem Kaffee - wissend, dass in 30 Minuten quer über dem Hof die Schulglocke läuten würde.
Suse berichtete über die Ereignisse ihres Wochenendes und ich hörte ihr zu, um dann meinerseits zu erzählen, was so los gewesen war.
So erfuhr sie, dass ich mich mit meinem Schwarm am Wochenende getroffen hatte, um endlich darüber zu reden, ob er nun seine andere Freundin für mich sitzenlässt, oder nicht. Ich wollte damals eine Entscheidung von ihm und um neutralen Boden zu haben, sollte das Gespräch weder bei ihm, noch bei mir stattfinden.
Stattdessen hatten wir uns verabredet an einem super schönen Fleckchen Erde, ganz bei uns in der Nähe, dem Michaelsberg.
Von da oben, am Aussichtsstein, konnte man über die halbe Rheinebene schauen. Still war’s da und romantisch. Dort oben war Ruhe und abends hielten sich da nicht viele Leute auf. Perfekt also für diese Aussprache mit meiner verzwickten großen Liebe.

Ich schüttete Suse also mein Herz aus und sie hörte mir müde zu, was so alles geschehen war. Es war ein Winterabend gewesen, an dem ich ihn dort getroffen hatte und es war schweinekalt draußen. Und so erzählte ich im Verlauf unseres Frühstücksgespräches, dass das nur so, ohne Wärme, nicht auszuhalten war, da oben.
Suse fragte:
„Und dann habt ihr Euch echt da oben an dem Stein hingesetzt und den Hintern abgefroren? Seid ihr bekloppt?“
Ich antwortete:
„Nee, natürlich nicht. Das hältst Du so nicht aus. Wir haben beide einen Teppich im Auto, den haben wir mitgenommen und uns umgeschlungen, damit es nicht so irre kalt ist.“
Suse zog die Augenbrauen hoch und meinte:
„Verarschen kann ich mich alleine, so einen Mist brauch ich nicht noch früh am morgen!“
„Spinnst Du jetzt?“ – ich wusste überhaupt nicht was sie von mir wollte!
„Nein, Du spinnst. Als ob man sich einen Teppich um die Schultern legen würde, so was Bescheuertes hab ich ja noch nie gehört. Ich glaub, der Typ tut deinem Kopf nicht wirklich gut!“
Ich war total vor den Kopf geschlagen und verstand überhaupt nicht, warum sie so reagierte.
„Soll ich mich vielleicht lieber ohne Teppich da hoch setzen? Ich hätte vor lauter Kälte gar nicht reden können mit ihm! Und außerdem, ne Jacke alleine reicht nicht wirklich. Wir saßen da immerhin 2 Stunden und haben geredet. Kann ich was dazu, wenn Du nicht genug Schlaf abbekommst am Wochenende? Musst mich gar nicht so anblöken!“
„Und da habt ihr Euch in einen Teppich gewickelt? Das willst Du mir ja wohl nicht ernsthaft weismachen, Du hast doch echt nen Schaden!“
Meine Blicke müssen Bände gesprochen haben, ich war super sauer. Da wollte ich ihr mein Herz ausschütten und sie machte mich blöd von der Seite an.
Ich knallte meine Tasse auf den Tisch und stand auf. Es war sowieso schon Zeit, in die Schule rüber zu laufen.
Und mit meinem Waffenrechts-Lehrer hatte ich es eh nicht wirklich, wollte also noch von meinem Zorn runterkommen, bevor ich den Unterricht beginnen würde.
So schnappte ich nur meine Tasche und ging wortlos rüber in meine Klasse.

Den ganzen Tag über drückte mich der Streit mit Suse im Bauch und in der Mittagspause schaute ich in der Kantine, ob ich sie irgendwo erspähen konnte.
Aber ihre Klasse hatte ein wenig später Pause und so verpassten wir uns immer wieder.
Ich konnte mir das nicht erklären und beschloss, das baldmöglichst mit ihr zu klären.
Mein Ärger war in der Zwischenzeit völlig verraucht.
Waffenrecht und Dienstkunde hatten mir alles abverlangt und so war ich froh, als der Schultag vorbei war und ich im Zimmer meine Tasche in die Ecke feuern konnte.

Ich schmiss mich auf mein Bett und kurz darauf kam Suse ins Zimmer. Sie schien auch nicht mehr sauer zu sein, sondern grinste mich breit an:
„Na Du? Heute schon in einen Teppich gewickelt gewesen? Hört sich ja fast an, wie bei nem Mordfall, Du hast echt nen Knall!“
Ich musste lachen.
„Wieso Mordfall? Wie kommst Du denn da drauf?“
Sie lachte noch breiter und meinte:
„Ich musste den ganzen Tag lachen wegen Dir. Ich hab mir Euch zwei hübschen vorgestellt. Da oben auf dem Berg, blau gefroren wie zwei Leichen. Eingewickelt in hübsche Orient-Teppiche, nebeneinander sitzend. Im Tode vereint und nur das Leuchten der Ornamente der Teppiche unter den weiten Sternen. Romeo und Julia! Gut dass Du einen Schuss hast!“

Mir klappte der Kiefer runter und langsam dämmerte es mir, und als ich erkannte, was zu unserem Streit geführt hatte, musste ich so laut lachen, dass ich mir fast in die Hose gemacht hätte.
Ich kugelte mich auf dem Bett und mir liefen die Tränen die Wangen runter, als ich mir ihre Gedanken vom Morgen versuchte vorzustellen! Nun war es an Suse, mich nur verständnislos an zu schauen.
Ich amüsierte mich über ihren schafartigen Blick und es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder sprechen konnte.
Sie hatte kopfschüttelnd eine Kanne Kaffee gekocht und mir zwischenzeitlich grinsend vorgeschlagen, mich mal beim psychologischen Dienst vorzustellen.
Aber nach einiger Zeit fanden wir uns am Tisch wieder, jeder eine frische Tasse Kaffee in den Händen.

Lachend schaute ich sie an und fragte sie, ob sie mir mal erklären könne, was ein Teppich ist.
Erst verstand sie mich nicht und meinte dann doch:
„Na ein Teppich ist so ein kleineres Teil, was man auf den Boden legt. Meistens sind da Muster drauf aus dem Orient, oder eben andere, modernere!“
„Ach so! Hier nennen wir das Brücken! Und was habt ihr im Osten auf dem Boden gehabt? Die großen Teppiche! Die, die das ganze Zimmer ausfüllen, weißt Du was ich meine?“
„Das hieß bei uns Auslegware!“ meinte sie nun und grinste, weil sie ahnte, auf was ich hinaus wollte.
„Bei uns heißt das auch Teppich, also die Auslegware. Und zu einer Brücke sagen wir ebenfalls Teppich.“
„Aha. Und da habt ihr Euch drin eingewickelt?“ fragend guckte sie mich an.
„Nee, natürlich nicht!“ antwortete ich lachend.
„Bei uns gibt’s noch was, was wir Teppich nennen: Wenn einem bei uns kalt ist, und er friert, dann verlangt er auch nach nem Teppich - anderswo auch einfach Wolldecke genannt!“

Suse und ich guckten uns noch einen Moment lang an und lachten dann wie auf Kommando laut los.
An dem Abend hatten wir noch eine menge Spaß und im Laufe der Jahre wurde der „Teppich“ eine Art „running Gag“ zwischen uns beiden.
Es folgten noch viele lustige Monate mit anderen Ausdrücken und Phrasen, die sich so sehr voneinander unterschieden. Ich höre sie zum Beispiel immer noch sagen
„Mach mal dat Brett ran!“, wenn es irgendwo zog und ich die Türe schließen sollte.
Aber so lustig wie die Geschichte mit dem Teppich und der Wolldecke wurde es nie wieder.

Suse versieht heute ganz woanders Dienst, als ich. Sie ist mittlerweile in einer glücklichen Beziehung und ich selber bin verheiratet und habe drei Kinder.
Wir haben uns ein wenig aus den Augen verloren und sehen uns nur sehr selten. Ist ja auch verständlich, das bringt das Leben einfach mit sich. Ab und an telefonieren wir aber, insbesondere dann, wenn eine von uns beiden mal wieder umgezogen ist, so dass wir immer in Kontakt sind.
Jedes Gespräch nach so einem Umzug beinhaltet dann auch diese Frage:

„Soso, wieder umgezogen und renoviert? Hast Du auch nen schönen Teppich verlegt?“

Und jedes Mal kommt immer dieselbe Antwort:

„Na klar. Kuschelig wars, das glaubst Du kaum! Und warm war mir auch dabei!“

Und dann lachen wir und wissen, dass Erinnerungen etwas Wundervolles sind.