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Am Ende der Einsamkeit
© Carmen Rodrigues




Sarah saß auf der Bank mitten im verschneiten Stadtpark.
Die Büsche und Bäume zeichneten ihre Konturen hinein in das Strahlen der
Lichter des Weihnachtsmarkts, der alljährlich im
östlichen Bereich der Grünflächen aufgebaut wurde und auf dem sich unzählige Menschen nun drängelten.
Familien schoben und drückten einander auf der Jagd nach einem Platz an einer der
Glühweinbuden.
Andere wollten sich gütlich tun an Bratwürstchen und zuckersüßen Köstlichkeiten und
vergassen beinahe ihre Kinderstube ob des Drangs, dafür ihr sauer verdientes Geld auszugeben.
Gelächter und glückliches Rufen der Kinder auf den Karussells drang zu ihr herüber.
Sarah wandte den Blick ab, es interessierte sie nicht im Geringsten,
und keinen Augenblick dachte sie daran, sich unter die wabernde Menschenmasse zu mischen.

Weihnachten war etwas für Gestern, Romantik existierte in ihrem Heute nicht mehr.
Die knotigen alten Hände hatte sie in ihrem Schoss gefaltet, sie steckten in ledernen Handschuhen,
die ihr nur wenig Wärme spendeten.

Sie ließ den Blick schweifen über die verschneiten Gräser und betrachtete versunken
das Glitzern des Eises, welches die Baumkronen überzog wie Zuckerguss. Die Kälte kroch in ihre
Glieder, aber Sarah spürte es kaum.
Der Schmerz, der sie gefangen hielt, war anderer Natur.
Nichts körperliches konnte an diesen Schmerz heranreichen, ihn verdrängen, ihm Paroli bieten.
Weinen konnte Sarah nicht mehr, zu viele Tränen hatte sie verloren und es wollten einfach
keine mehr fließen...

Zuhause hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Ihre kleine Stadtwohnung war seit dem Tag vor 5 Jahren, an dem
Johann starb, dunkel und kalt... sie erschien ihr nicht mehr wie ein Zuhause, sondern wie ein Kerker.
Ein Gefängnis aus Erinnerung und Trauer, Dunkelheit und Kälte, das einst über so viele Jahre ihr gemeinsames
Leben in sich barg in einer Hülle aus tiefer lebenslanger Liebe.
Stundenlang hatte sie heute auf ihrem Sofa verbracht, wieder einmal kämpfend gegen den Wahnsinn und das Verlorensein.
Nichts im Leben hatte ihr jemals so viel geboten, wie die Liebe zu ihrem Johann und ohne ihn war sie nicht mehr
als ein altes faltiges Nichts, der rosige Schimmer auf ihren Wangen war längst verflogen und schließlich
dem Grau der Einsamkeit gewichen. Kinder gab es in ihrem Leben nicht, es war ihnen nicht vergönnt
gewesen.

Sarah hatte es nicht mehr ertragen und war geflohen aus ihren vier Wänden, weggelaufen
vor dem einsamen Ticken der alten Standuhr, die Johann vor so vielen Jahren von seinem Großvater geerbt hatte und die ihm unendlich viel bedeutet hatte.
Früher einmal.. früher einmal war der Klang der stündlichen Glocke ihnen beiden eine liebevolle Erinnerung gewesen.
Heute schien er nurmehr ein Brüllen zu sein.
"Ding...Ding...DING...DDIIIIIIING" so hämmerte ihr der Ton im Kopf, stundein stundaus, immer
wieder und wieder. Dennoch brachte sie es nicht fertig, die Uhr zu stoppen, das Pendel anzuhalten.
Es war Johanns Uhr und es wäre so gewesen, als würde sie ihn noch einmal töten, wenn sie die
Uhr angehalten hätte.
So ertrug sie meist das Grauen, welches sie in ihrem Heim überflutete und welches ihr schier die Sinne raubte, ihr den Weg des Alleinseins Stunde um Stunde wies. Es schien,
als wolle die Glocke ihr unbarmherzig ihr Alter in die Knochen hämmern, Schlag um Schlag.
Höhnisch und gemein.

Sarah schnaubte. Sie wurde plötzlich wütend. Zorn stieg tief aus ihrem Inneren auf und begann ihre
Seele und ihr Herz zu entflammen.
Sie erschrak einen Moment selbst über dieses Gefühl, schämte sich fast. Es stand ihr nicht zu
wütend zu sein, was war nur los?
Der kurze Augenblick des Zweifels ging schnell vorüber.
Der Zorn blieb. Umschlang ihren Geist wie eine Krake... tausend Arme begannen, sich um
ihren Verstand zu winden, der so viele Jahre geprägt war von Güte und Liebe.
Fester und fester zog sich die Umarmung des Hasses zu, begann ihr die Luft zu rauben.
Gefährlich eng wurde ihre Brust, Sarah begann zu keuchen.
Sie stand auf von der Bank, tat einen Schritt auf ihren gebrechlichen Beinen und taumelte,
das Atmen wurde schier unmöglich.
Die Stimmen vom Weihnachtsmarkt drangen kaum noch zu ihr durch, hörten sich an wie Klänge aus fremden
Welten, verzerrt... unwirklich.
Sterne formten sich vor ihren Augen, als eine Leere sie vollkommen erfasste und nur diese unbändige Wut in ihr
loderte.
Sarah fiel, stürzte auf den Parkweg vor der Bank, landete mit ihrem zarten Körper auf einer gefrorenen Pfütze,
die sich wie ein fester makelloser See auf dem kalten Boden ergossen hatte.
Ihr Blick richtete sich in den klaren Nachthimmel, ihre mühsamen Atemstöße formten Nebelwolken über ihrem weit geöffneten Mund. Ihre tiefblauen Augen waren weit aufgerissen.
Ihr Verstand erlosch in dem Augenblick, als die Kälte ihr
Herz ergriff, es sanft drückte und schließlich stoppte.
Mit toten blicklosen Augen fand ihr alter Körper ein Ende, erstarrte im Tod, begann schnell zu erkalten.
Die Nebelwolken waren verschwunden.
Das bisschen Wasser, das ihr Körper der Eispfütze abgetrotzt hatte drang in ihr weisses Haar und verband es
mit dem Eis, als der Winterhauch über die Lebenswärme siegte.

Wütend hätte sie nicht sterben dürfen, dachte Johann traurig und schüttelte den Kopf...
er schwebte zu ihrem Körper hinüber und betrachtete stumm die sterblichen Überreste seiner Frau.
Sanft strich er mit seiner Hand über ihre Wangen, wartend.
Nicht mehr lange, dann würde sie mit ihm kommen, endlich. Er hatte sich sehr auf diesen Moment gefreut...
den Augenblick, da er sie wieder in die Arme schließen durfte.
Nur der Gedanke an die Aufgabe, die vor ihm lag, trübte die Vorfreude ein klein wenig.
Man durfte nicht wütend sterben...dort wo er so lange auf sie gewartet hatte und wo es außer Ewigkeit nichts gab,
was ihrer Liebe etwas anhaben konnte, dorthin durfte man mit Wut im Herzen nicht gehen.
Er musste ihre Seele heilen, ihr Herz erwärmen.. das brauchte Zeit.
Die einsamen Jahre waren tief in ihr Innerstes gebrannt und hatten sie am Ende ihr Leben gekostet.
Aber er würde es schaffen.. dessen war er sich gewiss.

Und dann war sie da.. erhob sich in seine Arme, stumm, schweigend... ganz sanft und ruhig,
wie es im Leben gewesen war, so war es auch jetzt und würde es immer sein.
Sie kuschelte sich eng an ihn, ihr Antlitz verborgen an seiner Brust, die Erinnerung an seinen Geruch lebendig in
ihrer Nase, als könne sie ihn noch immer riechen.
So saßen sie eine Weile zusammen, versunken in Gedanken und dem stillen Glück, wieder vereint zu sein.

Johann hielt sie ganz fest, umarmt und geborgen. Lange trug er still an Sarah. An ihrer Wut, dem Hass und all ihren dunklen Jahren. Geduldig ließ er sie zu, die Brandung des Schmerzes, deren Fels er allein nur sein konnte. Seine Liebe brach die ungestümen Wellen, ein ums andre Mal, nicht nachlassend, bis der Sturm sich legte, der Wind verwehte und sanft die Brise nur blieb, die über die ruhige See hinweg ihre beiden Gesichter streichelte.

Nun war alles gut... alles war nun gut.

Man brachte sie weg, ihre Uhr war stehengeblieben.

Keine Trauer.

Nur Geschäftigkeit.