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26 Rosen und kalter Kaffee
© Carmen Rodrigues



Müde hält sich mein Blick an der Frau dort draußen fest.
Müde und leer starre ich durch die Scheibe meines Schlafzimmerfensters und sehe,
wie sie unten aus der Haustür tritt.

Meines Schlafzimmerfensters… wie sich das anhört!
Fremd klingt das in meinen Ohren und in meinem Herzen… „mein Schlafzimmer“, das bis gerade eben noch „unser Schlafzimmer“ gewesen ist. Und das da unten, das ist auch nicht irgendeine Frau, es ist meine Frau!
Zumindest war sie das. Heute morgen noch.
Und jetzt?
Ich wage nicht darüber nachzudenken, denn ich weiß, dass es im Augenblick keine Erklärungen gibt, keine Lösungen. Nichts.

In mir ist es kalt, ich fühle mich benommen und mein Herz scheint still zu stehen, als sie einen Schritt vor den anderen setzt.
Schritt für Schritt geht sie weiter.
Weiter weg von mir.
Und hier stehe ich also, ohnmächtig an meinem Fenster und blicke meiner Frau nach, die mich verlassen hat. Einfach so - nach vier glücklichen Jahren.

Ich hatte ihr vorhin am Frühstückstisch einen Kaffee eingeschenkt und es mir mit meiner eigenen Tasse gerade auf dem Stuhl bequem gemacht. Sie trank einen Schluck und ich lächelte sie an. Gerade wollte ich ihr von meinem seltsamen Traum in der Nacht erzählen, als ich irritiert verstummte, denn sie lächelte nicht zurück.
Ich schluckte, weil ich spürte, dass jetzt etwas geschieht.
Und dann fing sie an zu sprechen.

„Wir sind noch so jung“, hatte sie gesagt.
„Ich bin noch so jung. Und ich liebe Dich nicht mehr, Uli. Ich möchte nicht mehr mit Dir zusammen leben. Es tut mir leid.“
Und dabei hatte sie ihre Hand sanft auf meine gelegt und mich angesehen.
Aus dem Nichts kamen ihre Worte, ich war wie vor den Kopf gestoßen!

Tags zuvor hatte ich noch mit ihr zusammen im Prospekt für den kommenden Sommerurlaub geblättert und wir hatten uns noch ausgemalt, wie gut uns die Erholung in Griechenland tun würde! Wie wir ihren Geburtstag dort feiern wollten, mit einem schönen Abendessen und einer Flasche gutem Wein, alleine – gemütlich! Ich hatte schon den Blumenstrauß vor mir gesehen, 26 Stück, für jedes Lebensjahr eine weiße, duftende Rose!
Sommer und Sonne … und ihre Hand wollte ich halten, die Hand, die heute früh so kalt auf meiner ruhte.
Am Strand wollte ich in ihre Augen sehen, dieselben dunkelgrünen Augen, die mir bei diesen Worten in mein tiefstes Inneres zu blicken schienen.
Meine Nase wollte ich in ihre Haare drücken, die Haare die wie schwarze Seide über ihre
Schultern flossen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war sonst nie um Worte verlegen, aber der Schmerz lähmte mir in diesem Augenblick die Stimme und ich schwieg sie hilflos an.
Was hätte ich auch sagen sollen? Es war endgültig und ich erkannte an der Art, wie sie gesprochen hatte, dass es ihr Ernst war. Sie würde gehen. Sie würde mich verlassen.
Einfach so.

Und dann war sie aufgestanden, ohne ein weiteres Wort.
Ihr Blick war das Schrecklichste in diesem Moment!
Ich konnte in ihren Augen sehen, dass ich ihr leid tat, aber Liebe erblickte ich darin nicht…
Sie hatte die Wahrheit gesagt… sie liebte mich nicht mehr.
Ich sah ihr zu, wie sie nach oben ging, ich wusste, sie würde packen. Und dann würde sie gehen.
Ich wollte ihr gerne soviel sagen, aber ich wusste nicht wie! Ich konnte es nicht begreifen, ich war der ganzen Geschichte hilflos ausgeliefert.
So starrte ich kopfschüttelnd und entsetzt in meine Kaffeetasse.

Der Inhalt war längst kalt, als ich endlich erahnen konnte…langsam… was vor sich ging.
Langsam stand ich auf und ging ihr nach, nach oben. In unser Schlafzimmer.
Traurig setzte ich mich auf die Bettkante und sah ihr zu, wie sie die letzten Dinge in ihren Koffer packte.
Ich wusste, ich konnte sie nicht halten, also schwieg ich, weiterhin verletzt und mit Tränen in den Augen.
Als sie fertig war, stand sie auf und umarmte mich stumm. Sie schaute mich an, gab mir einen Kuss auf die Stirn und murmelte:
„Verzeih mir bitte, wenn Du das kannst. Mach es gut, Uli.“
Und dann war sie auch schon verschwunden, mit ihrem Koffer.
Die leere Schrankhälfte stand noch offen und gähnte mich an.

Und so stehe ich nun hier am Fenster und schaue ihr nach. Wie sie ihr Auto erreicht und die Türe aufschließt. Sie blickt sich nicht nach mir um.
„Machs auch gut, Susanne!“ sage ich leise und blicke ihr nach, wie sie um die Ecke fährt, fort von mir in ein neues Leben. Gedankenversunken stehe ich hier, seit einer Stunde und dennoch will sich mir ein Sinn hinter allem, was geschehen ist, nicht erschließen.

Als das Telefon klingelt, schrecke ich hoch und hoffe sofort, dass sie es ist!
Sie hat es sich anders überlegt! Oh mein Gott! Fast hechte ich übers Bett, auf meine Seite und reiße den Hörer aus der Ladestation. Es knackt kurz in meinem Rücken, aber das ignoriere ich tapfer, das war jetzt nicht wichtig!

„Susanne??“ rufe ich hoffend und presse den Hörer ans Ohr, als ginge es um mein Leben. Genau darum geht es ja auch!


„Nee, Uli, altes Haus! Ich bin’s, Gerd! Sag mal, hast Du Lust auf ne Runde joggen am See, heute Mittag?“

Mein Gesicht fällt in Scherben und ich schüttle den Kopf. Mein Rücken schmerzt, mindestens so sehr, wie mein Herz.

„Ach lass mal, Gerd.“
Ich hatte wirklich keine Lust mit ihm zu reden, und schon gar nicht über das, was vorgefallen war.
Nicht jetzt.
„Ich hab mir wohl grade `nen Nerv im Rücken verklemmt, ich glaube mit dem joggen, das lassen wir besser sein heute…“ sage ich tonlos.
„Ha, Du meinst, Du hast Dir heute Nacht dein Kreuz verbogen? Hehe, in Deinem Alter …“, ich höre seine Worte nur halb und den Satz beendet er erst gar nicht.

„Ach was, Gerd! Mit fünfzig geht das Leben doch erst richtig los!“ sage ich, mühsam die Erkenntnis überspielend, die meinen Geist beschleicht und mein Herz zerbricht.

„Weißt doch, wir sind doch noch jung!“
Dann lege ich auf.
„Wir sind doch noch jung…“ hämmert es hinter meiner Stirn, und ich blicke in den Spiegel meines Kleiderschranks und fühle mich plötzlich sehr, sehr alt.